Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


die_geschichte_einer_quase

Unterschiede

Hier werden die Unterschiede zwischen zwei Versionen angezeigt.

Link zu dieser Vergleichsansicht

Beide Seiten der vorigen RevisionVorhergehende Überarbeitung
die_geschichte_einer_quase [2026/07/08 14:43] – [Wieder unter Segeln] martindie_geschichte_einer_quase [2026/07/08 18:41] (aktuell) martin
Zeile 3: Zeile 3:
 |Dieser Artikel berichtet, wie der Segler Dierk Bobzin zufällig entdeckt, dass er Eigner der letzten bekannten Eckernförder Quase ist – und wie er nach und nach die Geschichte dieses besonderen Eckernförder Bootstyps rekonstruiert. Erstmalig erschienen ist der Beitrag im Seglermagazin [[https://piekfall.de/|PIEKFALL]].| |Dieser Artikel berichtet, wie der Segler Dierk Bobzin zufällig entdeckt, dass er Eigner der letzten bekannten Eckernförder Quase ist – und wie er nach und nach die Geschichte dieses besonderen Eckernförder Bootstyps rekonstruiert. Erstmalig erschienen ist der Beitrag im Seglermagazin [[https://piekfall.de/|PIEKFALL]].|
  
-{{ :quasaevivikaheute.jpg?nolink |}}+{{ :quasaevivikaheute.jpg |}}
 ====== Die Geschichte einer Quase ====== ====== Die Geschichte einer Quase ======
  
Zeile 18: Zeile 18:
 Im NOK müssen wir tanken, aber wir können ja nicht aufstoppen und rammen den Steg. Der Steg bleibt heil, aber mein Gesäß kracht so auf die Kante der Backskiste, dass mir schwarz vor Augen wird. Übernachten ist an der Elbe in Neufeld angesagt, aber wir kommen bei ablaufendem Wasser nicht mehr über die Wattkante und müssen die Flut abwarten. Sehr gemütlich in Neufeld, in der urigen Fischerkneipe wird erst einmal der Durst gelöscht. Der Rest der Reise verläuft dann ohne Probleme. Im NOK müssen wir tanken, aber wir können ja nicht aufstoppen und rammen den Steg. Der Steg bleibt heil, aber mein Gesäß kracht so auf die Kante der Backskiste, dass mir schwarz vor Augen wird. Übernachten ist an der Elbe in Neufeld angesagt, aber wir kommen bei ablaufendem Wasser nicht mehr über die Wattkante und müssen die Flut abwarten. Sehr gemütlich in Neufeld, in der urigen Fischerkneipe wird erst einmal der Durst gelöscht. Der Rest der Reise verläuft dann ohne Probleme.
  
-[{{ :gabriele2.png?nolink&240|Nicht SCHWAMMI oder VERSUPER, VIVIKA soll das gute Stück heißen. }}]+[{{ :gabriele2.png?240|Nicht SCHWAMMI oder VERSUPER, VIVIKA soll das gute Stück heißen. }}]
  
 Meine Vereinskollegen bedauern mich und machen schon Vorschläge für den neuen Namen. „Schwammi“, „U-Boot“, „Versuper“ usw., aber es soll VIVIKA nach meiner jüngsten Tochter heißen. Die Tauchpumpe muss erst mal bleiben. Jollenkreuzer verkauft und an die Arbeit: Schanzkleid abreißen. An Steuerbord muss eine Planke neu. Beim Anbohren stehe ich natürlich auf der losen Planke, diese wackelt und kippt, ich mache einen Salto rückwärts in die Bille, mit laufender Bohrmaschine. Anscheinend bin ich ein absoluter Schnelltaucher, denn in die Maschine ist kaum Wasser eingedrungen und die Arbeit kann weitergehen, es ist ja Hochsommer und alles trocknet schnell. Meine Vereinskollegen bedauern mich und machen schon Vorschläge für den neuen Namen. „Schwammi“, „U-Boot“, „Versuper“ usw., aber es soll VIVIKA nach meiner jüngsten Tochter heißen. Die Tauchpumpe muss erst mal bleiben. Jollenkreuzer verkauft und an die Arbeit: Schanzkleid abreißen. An Steuerbord muss eine Planke neu. Beim Anbohren stehe ich natürlich auf der losen Planke, diese wackelt und kippt, ich mache einen Salto rückwärts in die Bille, mit laufender Bohrmaschine. Anscheinend bin ich ein absoluter Schnelltaucher, denn in die Maschine ist kaum Wasser eingedrungen und die Arbeit kann weitergehen, es ist ja Hochsommer und alles trocknet schnell.
Zeile 26: Zeile 26:
 Also erst einmal planen: Maschine, Ruderhaus, Kajüte müssen neu. Niedergang vom Ruderhaus, Durchgang in die Piek und Toilette bei den Kojen anlegen. Jedenfalls ist jede Menge Arbeit in Sicht. Die Maschine wird ausgebaut und zerlegt. Beide Ölpumpen sind von Seewasser zerfressen, mein Vorgänger hat also den Kahn einmal absaufen lassen. Was ist zu tun? Ich entscheide mich für einen anderen Motor, und bekomme von einem Vereinskollegen günstig einen älteren Sechs-Zylinder Daimler. Der Einbau ist nicht einfach, es müssen Hebewerkzeuge gebaut und einiges geändert werden. Der alte Wärmetauscher für die Kühlung arbeitet nicht (Fehlkonstruktion). Ein alter Büssing-Ölkühler funktioniert jedoch prima. Einige Lagen Polyester machen den Rumpf wieder dicht und geben zusätzlich Stabilität. Also erst einmal planen: Maschine, Ruderhaus, Kajüte müssen neu. Niedergang vom Ruderhaus, Durchgang in die Piek und Toilette bei den Kojen anlegen. Jedenfalls ist jede Menge Arbeit in Sicht. Die Maschine wird ausgebaut und zerlegt. Beide Ölpumpen sind von Seewasser zerfressen, mein Vorgänger hat also den Kahn einmal absaufen lassen. Was ist zu tun? Ich entscheide mich für einen anderen Motor, und bekomme von einem Vereinskollegen günstig einen älteren Sechs-Zylinder Daimler. Der Einbau ist nicht einfach, es müssen Hebewerkzeuge gebaut und einiges geändert werden. Der alte Wärmetauscher für die Kühlung arbeitet nicht (Fehlkonstruktion). Ein alter Büssing-Ölkühler funktioniert jedoch prima. Einige Lagen Polyester machen den Rumpf wieder dicht und geben zusätzlich Stabilität.
  
-[{{ :vivikaalslustboot.png?nolink&240|Quase Vivika auf der Bille während ihres Umbaus zu einem Lustboot ca. 1980.}}]+[{{ :vivikaalslustboot.png?240|Quase Vivika auf der Bille während ihres Umbaus zu einem Lustboot ca. 1980.}}]
  
 Nach zwei Jahren ist das Boot einigermaßen fahrbereit und die ersten Probefahrten können unternommen werden. Erstes Aufstoppen und der Propeller ist und bleibt weg – Keil fehlte. Im Sommer ist die erste Reise geplant, mit Familie und Gästen an Bord. Sicherheitshalber fahren wir mit zwei Booten. Das ist auch nötig, vor Travemünde bricht ein Flansch der Schraubenwelle. Getriebe ausbauen, schweißen lassen und weiter. Vor Rudkøbing in Dänemark der gleiche Ärger. Die Ursache: Das Motorfundament muss etwas angehoben werden. Dieser Fehler wird nun beseitigt und es gibt keine größeren Pannen mehr – oh wie schön ist doch die Seefahrt! Nach zwei Jahren ist das Boot einigermaßen fahrbereit und die ersten Probefahrten können unternommen werden. Erstes Aufstoppen und der Propeller ist und bleibt weg – Keil fehlte. Im Sommer ist die erste Reise geplant, mit Familie und Gästen an Bord. Sicherheitshalber fahren wir mit zwei Booten. Das ist auch nötig, vor Travemünde bricht ein Flansch der Schraubenwelle. Getriebe ausbauen, schweißen lassen und weiter. Vor Rudkøbing in Dänemark der gleiche Ärger. Die Ursache: Das Motorfundament muss etwas angehoben werden. Dieser Fehler wird nun beseitigt und es gibt keine größeren Pannen mehr – oh wie schön ist doch die Seefahrt!
Zeile 40: Zeile 40:
 Bekannt ist mir lediglich der Name des letzten Eigners, die neue Adresse herauszufinden, auch kein Problem. Der Herr kennt den Vorbesitzer jedoch nicht mehr und weiß auch nichts über das Boot, außer, dass es einmal einen alten zirka 8 PS Glühkopfmotor besaß, den er verschrottet hat. Dessen Vorbesitzer hat mich 1978 einmal in Laboe angesprochen, er war aus Kiel, seinen Namen habe ich mir jedoch leider nicht geben lassen. Bekannt ist mir lediglich der Name des letzten Eigners, die neue Adresse herauszufinden, auch kein Problem. Der Herr kennt den Vorbesitzer jedoch nicht mehr und weiß auch nichts über das Boot, außer, dass es einmal einen alten zirka 8 PS Glühkopfmotor besaß, den er verschrottet hat. Dessen Vorbesitzer hat mich 1978 einmal in Laboe angesprochen, er war aus Kiel, seinen Namen habe ich mir jedoch leider nicht geben lassen.
  
-[{{ :gabriele1.png?nolink&240|Quase Vivika als Fischkutter Gabriele Anfang der 1960er Jahre in Laboe.}}] +[{{ :gabriele1.png?240|Quase Vivika als Fischkutter Gabriele Anfang der 1960er Jahre in Laboe.}}] 
-[{{ :gabriele3.png?nolink&240|Man beachte die starke Vorstevenneigung der Gabriele im Vergleich zu den anderen Kuttern. Er macht sie als ehemalige Quase erkennbar.}}]+[{{ :gabriele3.png?240|Man beachte die starke Vorstevenneigung der Gabriele im Vergleich zu den anderen Kuttern. Er macht sie als ehemalige Quase erkennbar.}}]
 Ich setze also eine Kleinanzeige in die Kieler Nachrichten: „Suche den ehemaligen Eigner des Kutters GABRIELE aus Laboe“. Nach zwei Wochen meldet sich ein Herr, der behauptet, er kenne den Eigner, es sei ein Herr Jürgen Andresen aus Kiel, dann bricht das Gespräch ab. Einen passenden Jürgen Andresen gibt es jedoch nicht, und der Herr, der seinen Namen nicht nannte, ruft nicht wieder an. Drei Wochen später meldet sich aber eine nette Dame, sie ist die „Gabriele“, nach der das Boot benannt war. Sie sendet mir drei sehr schöne Fotos von dem Boot aus den 60er Jahren, wie es zuletzt als Fischkutter ausgesehen hat. Leider ist die Registriernummer schon entfernt, aber die Bilder helfen weiter. Ich setze also eine Kleinanzeige in die Kieler Nachrichten: „Suche den ehemaligen Eigner des Kutters GABRIELE aus Laboe“. Nach zwei Wochen meldet sich ein Herr, der behauptet, er kenne den Eigner, es sei ein Herr Jürgen Andresen aus Kiel, dann bricht das Gespräch ab. Einen passenden Jürgen Andresen gibt es jedoch nicht, und der Herr, der seinen Namen nicht nannte, ruft nicht wieder an. Drei Wochen später meldet sich aber eine nette Dame, sie ist die „Gabriele“, nach der das Boot benannt war. Sie sendet mir drei sehr schöne Fotos von dem Boot aus den 60er Jahren, wie es zuletzt als Fischkutter ausgesehen hat. Leider ist die Registriernummer schon entfernt, aber die Bilder helfen weiter.
  
Zeile 74: Zeile 74:
 Trotz fehlender Literatur ist die Geschichte der Quasen, den ersten Ostseefischkuttern, doch noch weitgehend zu ermitteln, da es in den vielen Veröffentlichungen des Seefischereivereins zahlreiche Hinweise gibt. Dieser Verein wurde am 3.1.1870 gegründet, mit dem Verein begann damals der Aufschwung in der Fischerei, die zu dieser Zeit nur vom Ufer aus und in Küstennähe stattfand und kaum die Fischerfamilien ernährte. Hierzu waren bessere Geräte, Fangfahrzeuge und neue ertragreichere Fangmethoden nötig. Ebenso mussten in der Vermarktung neue Wege gegangen werden. Trotz fehlender Literatur ist die Geschichte der Quasen, den ersten Ostseefischkuttern, doch noch weitgehend zu ermitteln, da es in den vielen Veröffentlichungen des Seefischereivereins zahlreiche Hinweise gibt. Dieser Verein wurde am 3.1.1870 gegründet, mit dem Verein begann damals der Aufschwung in der Fischerei, die zu dieser Zeit nur vom Ufer aus und in Küstennähe stattfand und kaum die Fischerfamilien ernährte. Hierzu waren bessere Geräte, Fangfahrzeuge und neue ertragreichere Fangmethoden nötig. Ebenso mussten in der Vermarktung neue Wege gegangen werden.
  
-[{{ :fischereidirektorheins.png?nolink&240| Fischereidirektor Heins}}]+[{{ :fischereidirektorheins.png?240| Fischereidirektor Heins}}]
  
 Die alte Methode, die Fische in von kleinen Booten nachgeschleppten Fischkästen (Hütfässern) zu transportieren, eignete sich nicht für die Küsten- und Seefischerei. So entstanden Quasen ca. 1865 aus den großen Booten, die nachweislich mindestens seit 1808 von Eckernförder Werften gebaut wurden (Jacob Christopher Arffe, H. J. Glasau, F. J. C. Glasau). Die Bünn war hier bereits von der dänischen Handelsquase her bekannt, und es war sicher der Fischereidirektor F. G. W. Heins in Schleswig, dem diese Entwicklung zu verdanken ist. Die alte Methode, die Fische in von kleinen Booten nachgeschleppten Fischkästen (Hütfässern) zu transportieren, eignete sich nicht für die Küsten- und Seefischerei. So entstanden Quasen ca. 1865 aus den großen Booten, die nachweislich mindestens seit 1808 von Eckernförder Werften gebaut wurden (Jacob Christopher Arffe, H. J. Glasau, F. J. C. Glasau). Die Bünn war hier bereits von der dänischen Handelsquase her bekannt, und es war sicher der Fischereidirektor F. G. W. Heins in Schleswig, dem diese Entwicklung zu verdanken ist.
Zeile 86: Zeile 86:
 Der Eckernförder Segelclub veranstaltete 1901 eine Fischerbootregatta, von der es einen Bericht des Seefischereivereins mit Fotos gibt (siehe Extra-Bericht). Hier sind die Fischerboote der Schleswiger Ostseeküste, vom letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts, gut zu sehen. Es wurde in drei Klassen gesegelt, nämlich Schwertquasen, Kielquasen und Waadboote. Schwertquasen sind äußerlich kaum von den heute besser bekannten Zeesenbooten aus Mecklenburg-Vorpommern zu unterscheiden, haben jedoch ein Steckschwert. Der Eckernförder Segelclub veranstaltete 1901 eine Fischerbootregatta, von der es einen Bericht des Seefischereivereins mit Fotos gibt (siehe Extra-Bericht). Hier sind die Fischerboote der Schleswiger Ostseeküste, vom letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts, gut zu sehen. Es wurde in drei Klassen gesegelt, nämlich Schwertquasen, Kielquasen und Waadboote. Schwertquasen sind äußerlich kaum von den heute besser bekannten Zeesenbooten aus Mecklenburg-Vorpommern zu unterscheiden, haben jedoch ein Steckschwert.
  
-[{{ :andreashinkelmann.png?nolink&240|Andreas Hinkelmann}}] +[{{ :andreashinkelmann.png?240|Andreas Hinkelmann}}] 
-[{{ :anzeige.png?nolink&240|Das Boot wird an Johannes Paulsen verkauft. Anzeige im Fischerboten, Oktober 1909. }}]+[{{ :anzeige.png?240|Das Boot wird an Johannes Paulsen verkauft. Anzeige im Fischerboten, Oktober 1909. }}]
  
  
die_geschichte_einer_quase.1783514596.txt.gz · Zuletzt geändert: von martin