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der_letzte_kfk_verschwindet

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 ====== Eckernförde: Der letzte Kriegsfischkutter verschwindet ====== ====== Eckernförde: Der letzte Kriegsfischkutter verschwindet ======
  
-==== von Martin Hüdepohl ====+=== von Martin Hüdepohl ===
  
-Im Eckernförder Hafen fällt derzeit (Sommer 2026) ein ungewöhnliches Ding ins Auge: Mitten auf der Promenade ragt ein riesiges Objekt gen Himmel, das Spaziergänger zwingt, in einem großen Bogen drumherum zu gehen, ihnen dafür aber auch einen spektakulären Anblick bietet: Es handelt sich um das ehemalige Eckernförder Restaurantschiff [[:kutter:capella|Capella]], das Anfang Mai sank, Ende Mai gehoben und an Land gestellt wurde, und nun seiner Verschrottung harrt.+Im Eckernförder Hafen fällt derzeit (Sommer 2026) ein ungewöhnliches Ding ins Auge: Mitten auf der Promenade ragt ein riesiges Objekt gen Himmel, das Spaziergänger zwingt, in einem großen Bogen drumherum zu gehen, ihnen dafür aber auch einen spektakulären Anblick bietet: Es handelt sich um das ehemalige Eckernförder Restaurantschiff //[[:kutter:capella|Capella]]//, das Anfang Mai sank, Ende Mai gehoben und an Land gestellt wurde, und nun seiner Verschrottung harrt.
  
-Mit der //Capella// verschwindet auch ein Stück Eckernförder Hafengeschichte. Sie gehört zur Klasse der sogenannten Kriegsfischkutter (KFK) – ursprünglich im Zweiten Weltkrieg als Hilfsschiffe der Marine gebaut, später zu Fischkuttern umgerüstet. Über Jahrzehnte prägten diese Schiffe das maritime Stadtbild. Wenn die Capella abgebrochen ist, wird es keinen KFK mehr in Eckernförde geben. +Mit der //Capella// verschwindet auch ein Stück Eckernförder Hafengeschichte. Sie gehört zur Klasse der sogenannten Kriegsfischkutter (KFK) – ursprünglich im Zweiten Weltkrieg als Hilfsschiffe der Marine gebaut, später zu Fischkuttern umgerüstet. Über Jahrzehnte prägten diese Schiffe das maritime Stadtbild. Wenn die //Capella// abgebrochen ist, wird es keinen KFK mehr in Eckernförde geben. 
  
 Zeit für einen Nachruf. Zeit für einen Nachruf.
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 ===== Die KFKs meiner Familie ===== ===== Die KFKs meiner Familie =====
  
-Ich gebe es offen zu: Für mich sind Kriegsfischkutter einfach die legendärsten und schönsten Fischereifahrzeuge, die je gebaut wurden! Am Hafen von Eckernförde aufgewachsen, brauchte ich nur aus meinem Kinderzimmerfenster blicken, um die eleganten Linien mindestens dreier KFKs bestaunen zu können: Ich erinnere mich an die [[kutter:aldebaran_i|Aldebaran I]], die [[kutter:hela|Hela]] und die [[kutter:ecke_1_gudrun|Gudrun]]. Letztere gehörte Gottfried Mahrt, einem entfernten Onkel von mir. Er war der erste Eckernförder, der seinen Kutter zum Hochseeangelkutter umbauen ließ. Viele Kollegen hielten ihn zunächst für verrückt. Aber „Hottie“, wie er genannt wurde, behielt recht – und wurde mit seiner Geschäftsidee ein wohlhabender Mann. +Ich gebe es offen zu: Für mich sind Kriegsfischkutter einfach die legendärsten und schönsten Fischereifahrzeuge, die je gebaut wurden! Am Hafen von Eckernförde aufgewachsen, brauchte ich nur aus meinem Kinderzimmerfenster blicken, um die eleganten Linien mindestens dreier KFKs bestaunen zu können: Ich erinnere mich an die //[[kutter:aldebaran_i|Aldebaran I]]//, die //[[kutter:hela|Hela]]// und die //[[kutter:ecke_1_gudrun|Gudrun]]//. Letztere gehörte Gottfried Mahrt, einem entfernten Onkel von mir. Er war der erste Eckernförder, der seinen Kutter zum Hochseeangelkutter umbauen ließ. Viele Kollegen hielten ihn zunächst für verrückt. Aber „Hottie“, wie er genannt wurde, behielt recht – und wurde mit seiner Geschäftsidee ein wohlhabender Mann. 
  
 [{{:kutter:gudrun.jpg?direct&600|1976: Hochseeangelfahrten mit MS Gudrun © Arne Jürgens}}] [{{:kutter:gudrun.jpg?direct&600|1976: Hochseeangelfahrten mit MS Gudrun © Arne Jürgens}}]
  
-Doch die //Gudrun// war nicht der einzige Kriegsfischkutter in der Familie. Auch mein Urgroßvater, der unter seinem Ökelnamen „Paster Suurmuul“ bekannt war, besaß einen KFK – die [[kutter:so_305_silbermoewe|Silbermöwe]]. Mit ihr fuhr er gemeinsam mit seinen Söhnen Walter und Franz, meinem Großvater, nicht nur zum Fischfang hinaus. Die drei betätigten sich außerdem als Stein- und Schrottfischer. Als Steinfischer bargen sie Findlinge vom Meeresgrund, die als Baumaterial verkauft wurden. Als Schrottfischer holten sie Metall von gesunkenen Schiffen an die Oberfläche.+Doch die //Gudrun// war nicht der einzige Kriegsfischkutter in der Familie. Auch mein Urgroßvater, der unter seinem Ökelnamen „Paster Suurmuul“ bekannt war, besaß einen KFK – die //[[kutter:so_305_silbermoewe|Silbermöwe]]//. Mit ihr fuhr er gemeinsam mit seinen Söhnen Walter und Franz, meinem Großvater, nicht nur zum Fischfang hinaus. Die drei betätigten sich außerdem als Stein- und Schrottfischer. Als Steinfischer bargen sie Findlinge vom Meeresgrund, die als Baumaterial verkauft wurden. Als Schrottfischer holten sie Metall von gesunkenen Schiffen an die Oberfläche.
  
 Besonders begehrt war Munition. Gegen Kriegsende waren große Massen davon in der Ostsee versenkt worden, und Messing brachte gutes Geld. Der Überlieferung zufolge schlug man die geborgene Patrone kurzerhand auf die Bordwand, so dass die Granate ins Wasser fiel. Die Treibladung wurde über Bord geschüttet, übrig blieb die wertvolle Messinghülse.  Besonders begehrt war Munition. Gegen Kriegsende waren große Massen davon in der Ostsee versenkt worden, und Messing brachte gutes Geld. Der Überlieferung zufolge schlug man die geborgene Patrone kurzerhand auf die Bordwand, so dass die Granate ins Wasser fiel. Die Treibladung wurde über Bord geschüttet, übrig blieb die wertvolle Messinghülse. 
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 Für die Eckernförder Fischer erwies sich der KFK als Glücksfall. Dank seiner Größe und Seetüchtigkeit konnten nun auch weit entfernte Fanggründe erschlossen werden. Das war dringend nötig, denn die Fischbestände in der Eckernförder Bucht standen unter Druck, während gleichzeitig zahlreiche ostpreußische Fischer nach dem Krieg in die Stadt gekommen waren und ebenfalls von der Fischerei leben mussten. Für die Eckernförder Fischer erwies sich der KFK als Glücksfall. Dank seiner Größe und Seetüchtigkeit konnten nun auch weit entfernte Fanggründe erschlossen werden. Das war dringend nötig, denn die Fischbestände in der Eckernförder Bucht standen unter Druck, während gleichzeitig zahlreiche ostpreußische Fischer nach dem Krieg in die Stadt gekommen waren und ebenfalls von der Fischerei leben mussten.
  
-Seit Ende der 1980er Jahre wurde in Eckernförde kein KFK mehr als Fischkutter eingesetzt. Übrig blieben lediglich die Hochseeangelkutter. Deren letzter Vertreter war die [[:kutter:simone|Simone]], die vor einigen Jahren aus dem Hafen verschwand. Noch existiert die Simone zwar – heute liegt sie als äußerst traurig anzusehendes Wrack am Schleswiger Wikingturm. Lediglich darauf wartend, dass irgendjemand das Geld für ihre Verschrottung aufbringt.+Seit Ende der 1980er Jahre wurde in Eckernförde kein KFK mehr als Fischkutter eingesetzt. Übrig blieben lediglich die Hochseeangelkutter. Deren letzter Vertreter war die //[[:kutter:simone|Simone]]//, die vor einigen Jahren aus dem Hafen verschwand. Noch existiert die Simone zwar – heute liegt sie als äußerst traurig anzusehendes Wrack am Schleswiger Wikingturm. Lediglich darauf wartend, dass irgendjemand das Geld für ihre Verschrottung aufbringt.
  
 [{{:simonecapella-1536x725.png?600|Angelkutter Simone und Restaurantschiff Capella im Jahre 2018 © Martin Hüdepohl}}] [{{:simonecapella-1536x725.png?600|Angelkutter Simone und Restaurantschiff Capella im Jahre 2018 © Martin Hüdepohl}}]
  
-[{{ :kutter:clauslutz.jpg?240|Claus Lutz an Bord der Simone}}] 
 ===== Der letzte KFK ===== ===== Der letzte KFK =====
 Und nun entschwindet also auch der letzte Eckernförder KFK: die //Capella//. Seit 2002 lag sie als Restaurantschiff im Hafen und versorgte Touristen mit Fischbrötchen. Betrieben wurde sie von dem Langholzer Fischer Claus Lutz, der in seinem Heimatort an der Eckernförder Bucht eine Räucherei sowie den bis heute bestehenden Imbiss [[https://www.meerundmehrcapella-kleinwaabs.de/|„Meer und mehr“]] führte. Und nun entschwindet also auch der letzte Eckernförder KFK: die //Capella//. Seit 2002 lag sie als Restaurantschiff im Hafen und versorgte Touristen mit Fischbrötchen. Betrieben wurde sie von dem Langholzer Fischer Claus Lutz, der in seinem Heimatort an der Eckernförder Bucht eine Räucherei sowie den bis heute bestehenden Imbiss [[https://www.meerundmehrcapella-kleinwaabs.de/|„Meer und mehr“]] führte.
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 +[{{:kutter:clauslutz.jpg?600|Claus Lutz an Bord der Simone}}]
  
 Anfang Mai sank die //Capella// an ihrem Liegeplatz. Ende Mai wurde sie in einer spektakulären Bergungsaktion mit zwei Kränen, die dabei offenbar hart an ihre Belastungsgrenzen gingen, wieder gehoben. Seitdem liegt sie auf Sandsäcken an der Hafenmole und wartet auf ihr Schicksal. Mit dem Abbruch wurde bislang noch nicht begonnen, denn die aktuellen Eigentümer sind auf rätselhafte Weise verschwunden und konnten bisher nicht ausfindig gemacht werden. Anfang Mai sank die //Capella// an ihrem Liegeplatz. Ende Mai wurde sie in einer spektakulären Bergungsaktion mit zwei Kränen, die dabei offenbar hart an ihre Belastungsgrenzen gingen, wieder gehoben. Seitdem liegt sie auf Sandsäcken an der Hafenmole und wartet auf ihr Schicksal. Mit dem Abbruch wurde bislang noch nicht begonnen, denn die aktuellen Eigentümer sind auf rätselhafte Weise verschwunden und konnten bisher nicht ausfindig gemacht werden.
  
 Ein erbaulicher Anblick ist die //Capella// nicht mehr. Jahrelange mangelnde Pflege und zahlreiche fragwürdige Umbauten haben ihr deutlich zugesetzt. Doch trotz aller Veränderungen ist die eigentliche Seele des Schiffes noch immer erkennbar: der geniale Rumpfentwurf, den die Ingenieure von Maierform vor hundert Jahren entwickelten. Allein dafür lohnt noch ein letzter Blick. Ein erbaulicher Anblick ist die //Capella// nicht mehr. Jahrelange mangelnde Pflege und zahlreiche fragwürdige Umbauten haben ihr deutlich zugesetzt. Doch trotz aller Veränderungen ist die eigentliche Seele des Schiffes noch immer erkennbar: der geniale Rumpfentwurf, den die Ingenieure von Maierform vor hundert Jahren entwickelten. Allein dafür lohnt noch ein letzter Blick.
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 ===== Der KFK als Filmkulisse ===== ===== Der KFK als Filmkulisse =====
  
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 [{{:antje-d-1536x659.png?600||Die Antje D. 1982 und 2025 © NDR, © Martin Hüdepohl}}] [{{:antje-d-1536x659.png?600||Die Antje D. 1982 und 2025 © NDR, © Martin Hüdepohl}}]
  
-Ein weiteres Fahrzeug aus der Fernsehserie hat dagegen deutlich mehr Glück gehabt. Das als „dänischer Superkutter“ auftretende Schiff ist der Fischkutter [[kutter:ecke_15_schwalbe_b|Schwalbe]] des Eckernförder Fischers Lorenz Marquardt und verrichtet bis heute seinen Dienst.+Ein weiteres Fahrzeug aus der Fernsehserie hat dagegen deutlich mehr Glück gehabt. Das als „dänischer Superkutter“ auftretende Schiff ist der Fischkutter //[[kutter:ecke_15_schwalbe_b|Schwalbe]]// des Eckernförder Fischers Lorenz Marquardt und verrichtet bis heute seinen Dienst.
  
 ===== Eine norddeutsche Ikone ===== ===== Eine norddeutsche Ikone =====
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 Der Bestand an KFKs schwindet rapide, aber ein KFK-Museum wird es wohl niemals geben. Denn als Museumsschiff ist ein KFK denkbar schlecht geeignet: In seinem Originalzustand als waffenstarrender Fischkutter existiert er nicht mehr – und so will ihn bestimmt auch niemand haben. Und selbst dieser „Originalzustand“ war eigentlich nur eine zurechtgebastelte Notlösung, genau wie all seine späteren Daseinsformen – als Bergungsschiff, als Fisch- Angel- und Forschungskutter, als Motor- und Segelyacht, als Wachboot des Bundesgrenzschutzes oder, wie die Capella, als Restaurantschiff. Alles Improvisationen, die zwar originell, aber nicht original sind und somit nur begrenzten musealen Wert besitzen. Der KFK war nie ein Schiff mit einer klaren Identität, sondern ein Arbeitstier, das sich immer wieder neu erfinden musste. Der Bestand an KFKs schwindet rapide, aber ein KFK-Museum wird es wohl niemals geben. Denn als Museumsschiff ist ein KFK denkbar schlecht geeignet: In seinem Originalzustand als waffenstarrender Fischkutter existiert er nicht mehr – und so will ihn bestimmt auch niemand haben. Und selbst dieser „Originalzustand“ war eigentlich nur eine zurechtgebastelte Notlösung, genau wie all seine späteren Daseinsformen – als Bergungsschiff, als Fisch- Angel- und Forschungskutter, als Motor- und Segelyacht, als Wachboot des Bundesgrenzschutzes oder, wie die Capella, als Restaurantschiff. Alles Improvisationen, die zwar originell, aber nicht original sind und somit nur begrenzten musealen Wert besitzen. Der KFK war nie ein Schiff mit einer klaren Identität, sondern ein Arbeitstier, das sich immer wieder neu erfinden musste.
  
-Es gibt ein paar zu Traditionsseglern umgebaute KFKs, die teilweise unter Denkmalschutz stehen und daher wohl noch eine Weile erhalten bleiben werden. Einer davon ist die Freddy, die man sogar regelmäßig in Eckernförde zu Gesicht bekommt. Mit Freddy Quinn hat sie übrigens nichts zu tun, auch wenn dieser tatsächlich einmal einen zur Yacht umgebauten KFK besaß.+Es gibt ein paar zu Traditionsseglern umgebaute KFKs, die teilweise unter Denkmalschutz stehen und daher wohl noch eine Weile erhalten bleiben werden. Einer davon ist die //Freddy//, die man sogar regelmäßig in Eckernförde zu Gesicht bekommt. Mit Freddy Quinn hat sie übrigens nichts zu tun, auch wenn dieser tatsächlich einmal einen zur Yacht umgebauten KFK besaß.
  
 Aber so sehr ich Menschen bewundere, die Herzblut in den Erhalt solcher Schiffe investieren – für mich sind diese historisierten, auf Oldtimer getrimmten KFKs mit ihren Segelmasten, Klüverbäumen und modifizierten Rümpfen einfach nicht dasselbe. Aber so sehr ich Menschen bewundere, die Herzblut in den Erhalt solcher Schiffe investieren – für mich sind diese historisierten, auf Oldtimer getrimmten KFKs mit ihren Segelmasten, Klüverbäumen und modifizierten Rümpfen einfach nicht dasselbe.
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 In genau dieser Rolle verschwindet der KFK nun aus Eckernförde. Und in absehbarer Zeit wohl auch aus dem Rest Norddeutschlands. Vielleicht ist das nur der normale Lauf der Dinge. Aber einen Stich ins Herz versetzt es trotzdem. In genau dieser Rolle verschwindet der KFK nun aus Eckernförde. Und in absehbarer Zeit wohl auch aus dem Rest Norddeutschlands. Vielleicht ist das nur der normale Lauf der Dinge. Aber einen Stich ins Herz versetzt es trotzdem.
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 +[[kfk_in_eckernfoerde|Liste der KFK in Eckernförde]]
der_letzte_kfk_verschwindet.1783158255.txt.gz · Zuletzt geändert: von martin